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Zeitspenden / mitteldeutscher Verlag
Der nachfolgende Text ist Bestandteil des Buches »Zeitspenden«, welches von der Kulturstiftung des Bundes /Fonds Neue Länder herausgegeben wurde und im Jahr 2009 im Mitteldeutschen Verlag, Halle (Saale) erschienen ist.
ISBN: 3-89812-707-9 /
978-3-89812-707-3


»Wo liegt denn dieses Suhl?« Diese Frage wird Claudia und Hendrik Neukirchner immer wieder gestellt, wenn sie Gäste zum Festival »Provinzschrei« nach Suhl einladen. Und geduldig erklären sie dann, dass ihre Heimatstadt im Süden von Thüringen liegt, mitten im Thüringer Wald, dass die Stadt vor allem durch seine Waffenfabriken bekannt geworden ist, von denen noch heute das Waffenmuseum zeugt, dass, wenn die Berge der Umgebung bestiegen sind und das Museum besucht ist, es schnell sehr ruhig wird in der Stadt und dass sie genau deshalb ein Festival organisieren, jedes Jahr im September.
Claudia und Hendrik Neukirchner sind beide in Suhl geboren und seit elf Jahren ein Paar, frisch verheiratet und junge Eltern. Als sie in Halle und Leipzig studierten, wussten sie, dass sie auf jeden Fall nach Suhl zurückwollten, schon wegen der Natur, die sie zu jeder Jahreszeit mögen, sowohl grün als auch weiß. Heute betreibt Claudia Neukirchner mehrere Reisebüros in Südthüringen, ihr Mann arbeitet freischaffend als Journalist und Autor. Das klingt, als ob nicht viel Zeit bliebe für ehrenamtliche Kulturarbeit und eigentlich ist das auch so. Aber sie tun es trotzdem. Sie seien da mit 23 und 25 Jahren etwas »unbedarft hineingetappelt«, wie Claudia Neukirchner es beschreibt. Der Ausgangspunkt für ihr Engagement war simpel, sie wollten »was machen« und zwar für »jedermann«, also für alle Altersstufen, allerdings mit Anspruch, mit einem Bildungsziel und mit regionalen und überregionalen Künstlern.
Der Name »Provinzschrei«, auf den sie sich bald einigten, traf zunächst nicht auf Gegenliebe in Suhl, denn zuzugeben, dass man Provinz war und ist, dazu gehört immer noch Überwindung, nicht nur in Suhl. Aber irgendwann hatte sich der »Provinzschrei« eben doch herumgesprochen und wurde zum »Hinhörer« und Markenzeichen. Und der Name ist Programm. »Die Suhler sollen über den Tellerrand gucken«, sagt Hendrik Neukirchner, weil sie doch im wahrsten Sinne des Wortes »hinter den Bergen« leben, hinter den Thüringer Bergen.
Der Festival-Schwerpunkt liegt bis heute auf der Literatur. Mittlerweile gibt es auch Puppentheater für Kinder, während ihre Eltern Lesungen besuchen, daneben Kabarett und am Festivalsonntag ist Kinotag. Nur der Freitag ist seit einigen Jahren einem zentralen Thema gewidmet, 2009 war es die friedliche Revolution mit einem speziellen Blick auf Suhl als ehemaligen Grenzbezirk. Denn Suhl war zu DDR-Zeiten eine der 15 Bezirkshauptstädte und dadurch »künstlich aufgebläht«, wie Hendrik Neukirchner sich erinnert. Das hatte zur Folge, dass seit der Wende verknüpft mit dem hohen Bevölkerungsverlust auch ein Kulturverlust stattfand. Ein weiterer Grund, Kultur zu organisieren für die gebliebenen 39.000 Einwohner der Stadt. Dauerte das Festival anfangs ein langes Wochenende, erstreckt es sich mittlerweile von Mittwoch bis Sonntag. Es gibt »Provinzschrei«-Gäste, die sich keine Veranstaltung entgehen lassen. So als müssten sie an fünf Tagen im Jahr »Kultur tanken« für die verbleibenden, stilleren Monate.

»Provinzschrei ist unser Innerstes«, sagen Claudia und Hendrik Neukirchner und wenn man ihnen gegenüber sitzt und ihre Augen strahlen sieht, glaubt man das gern. Sich selbst beschreiben sie als Realistin und Visionär und ihre Devise lässt keine Zweifel: »Wir schaffen das, wir sind nicht provinziell, sondern wach und offen für Neues.«
Dass sie es tatsächlich geschafft haben, ist auch daran abzulesen, dass sie neun Jahre lang ganz ohne Fördergelder ausgekommen sind und sich nur auf ein paar treue Sponsoren stützten. Dabei beträgt das Budget des Festivals jährlich 17.000 bis 20.000 Euro und die lassen sich keineswegs nur durch Eintrittsgelder decken. Ist doch ein weiterer Anspruch, die Preise so niedrig wie möglich zu halten. »Jeder soll sich Kunst leisten können und zum Beispiel einen Volker Braun für acht Euro erleben dürfen.« Wenn man weiß, dass die Stadt Suhl für 220 Vereine selbst nur 15.000 Euro zur Verfügung hat, wird deutlich, wie groß die Kraftanstrengungen sein müssen unter diesen Umständen überhaupt Kultur zu ermöglichen. Im Jahr 2008 gründeten Claudia und Hendrik Neukirchner schließlich selbst einen Verein, den Provinzkultur e.V., damit sie potentiellen Geldgebern nicht mehr nur als Privatpersonen gegenübertreten müssen, auch wenn die Arbeit am Ende doch wieder von Privatpersonen geleistet wird.
Nach zehn Jahren überkommt Claudia und Hendrik Neukirchner dann doch hin und wieder »Panik beim Blick in den Kalender«. Und wenn sie mal wieder bis drei Uhr nachts Briefe geschrieben haben, fragen auch sie sich »Warum machen wir das eigentlich?« Aber während sie über die Antwort nachdenken, klingelt am nächsten Morgen vermutlich schon wieder das Telefon und so machen sie einfach weiter. Persönlich haben Claudia und Hendrik Neukirchner eigentlich nur einen Wunsch, »Wir würden auch gern mal einfach nur Publikum sein beim ›provinzschrei‹-Festival«